|
Leseproben
Auszug aus dem 1. Kapitel von "Verkaufte Liebe":
Schwanger mit dreizehn
“Meine Mutter war dreizehn als sie schwanger wurde, und mein Vater
fünfzehn. Wie man sieht, war bereits meine Ankunft in diese Welt
nicht ganz das, was man landläufig als normal bezeichnen könnte.
In den fünfziger Jahren in einem kleinen Nest in A. schon gleich
gar nicht. Der Skandal war also programmiert und wäre für einen
Groschenroman reif gewesen: Zwei Kinder bekommen ein Kind. Doch er war
kein Roman, sondern raue Wirklichkeit. Heute muss ich lachen, wenn ich
mir die Szenen vor Augen halte, die man mir später erzählt hat.
Die Sünde hatte sich auf das Land verirrt und das Gerede wollte kein
Ende nehmen, es beherrschte wochenlang die Straßen und Gassen des
Ortes und die Stube des einzigen Wirtshauses. Das Spektakulärste
an dieser Geschichte war, dass ausgerechnet einer der Söhne des Bürgermeisters
der Vater des Balgs sein sollte. Das war der Gipfel der Ungeheuerlichkeit.
Da er sich zu dieser Schande sofort bekannte, wurde im Haushalt des Bürgermeisters
beschlossen, dass das Kind an Kindes statt angenommen werden sollte. Ja,
so hieß das damals wirklich.”
So beginnt Elke ihre Geschichte. Selbstverständlich war der erste
Bürger des Ortes ein anerkannter Mann in seiner Gemeinde, und er
verstand es prächtig, seinen Status von Jahr zu Jahr zu stärken,
indem er zahlreiche weitere ehrwürdige Ämter annahm –
vom Kapellmeister bis zum Feuerwehrhauptmann. Damit galt er bald als nahezu
unantastbar, mächtig und herrschend. Dem Wurm freilich, der gerade
gezeugt worden war, sollte dies später noch zugute kommen.
Die Kunde beherrschte den Ort noch wochenlang, ging durch Hof und Feld
und machte selbst vor der Kirchenpforte nicht halt, denn sogar während
der Messe wurde getuschelt: “Die Lina, diese Rotznase, ist mit dreizehn
schwanger und dieser Lümmel, welcher der Vater sein soll, ist auch
nicht älter als fünfzehn und außerdem der Sohn vom Bürgermeister.”
Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, beschloss die Fürsorge,
dass die biologischen Eltern das Kind, sofern es überhaupt gesund
auf die Welt kommen würde, erst gar nicht in die Hände bekommen
sollten. Sie selbst wurden gar nicht gefragt, was konnten zwei Fratzen
dazu schon zu sagen haben? Man unterstellte ihnen einfach, dass sie sowieso
keine Ahnung von dem haben, was sie da angestellt hatten. Und die Eltern
der Mutter schienen nach einer ersten Bestandsaufnahme auch nicht gerade
dafür geeignet, das kleine Wesen aufzuziehen, das vom Pfarrer, bis
Lina es endlich aus ihrem Leib pressen konnte, als “Frucht der Sünde”
oder “Werk des Teufels” bezeichnet wurde. Ja, es würde
wohl das Beste sein, ihr das kleine Hascherle gleich nach der Geburt abzunehmen.
Und dem Erzeuger wurde sowieso geraten, möglichst bald von der Bildfläche
zu verschwinden. Irgendwo im Ausland würde es ja wohl Arbeit für
ihn geben.
“So war es damals bei uns auf dem Land: Die Dinge geschahen wie
anderswo auch, und man regelte sie seit Generationen nach eigenen Gesetzmäßigkeiten.
Irgendwie stimmte dann alles wieder wie es stimmen sollte und das war
wichtig für die Tradition des Dorfes, die heilig war. Ich habe mich
oft gefragt, was die beiden sich wohl gedacht hatten, als sie just mich
fabrizierten. Wahrscheinlich nicht viel. Vielleicht wussten sie gar nicht
so recht, wie das wirklich funktioniert – das Kindermachen. Möglicherweise
wollten sie auch nur ein lustiges Spiel spielen und waren am Ende selbst
überrascht. Ich habe nie eine besondere Beziehung zu meinen leiblichen
Eltern aufbauen können. Ich sah auch nie einen Grund eine solche
zu suchen. Man hat mir nur erzählt, dass es sich der Dorfpfarrer
bei meiner Taufe dann auch nicht verkneifen konnte zu bemerken, dass früher
die Kinder noch Rotznasen hatten und jetzt die Rotznasen Kinder. Irgendwie
traf das wohl auch zu.
Aufgewachsen bin ich dann in einem kleinen idyllischen Dorf in A. bei
meinen Großeltern väterlicherseits auf deren Bauernhof und
ich erinnere mich an eine wunderschöne, unbeschwerte Kindheit voller
Glück und Zufriedenheit. Bis heute rieche ich den eigentümlichen
Duft dieser Landschaft, die für mich der Inbegriff von Frieden und
Freiheit war – ich hatte ja nie etwas anderes erlebt. Denn bis zu
meinem fünfzehnten Lebensjahr kannte ich nichts als mein Dorf –
das war meine Welt.”
Noch heute sieht Elke die glühenden Farben des Sommers und die nüchterne
weiß-schwarz getünchte Pracht des Winters vor sich, hört
Stimmen und Töne ihrer Kindheit und frühen Jugend. “Ich
schmecke noch immer die Dampfnudeln, die meine Oma samstags zubereitete,
das Kletzenbrot und die Topfentaschen mit Rosinen, extra für mich
stark mit Staubzucker überpudert, die ich in frischem Rahm getunkt
auf meiner Zunge zergehen lassen konnte. Ganz zu schweigen von den Erdäpfelkrapfen,
meinem Leibgericht. Meine Oma, die ich damals Mutter nannte, weil ich
nicht wusste, dass sie gar nicht meine Mama war, war ein kleines zierliches
Persönchen mit starkem unbeugsamen Willen.
Mein Großvater galt nach außen hin, wie es sich für einen
Bürgermeister ziemte, als der Große und Starke. Er sah auch
so aus und besaß die absolute Autorität im Dorf, in Wahrheit
aber war er dem Willen seiner Frau untertan. Sie war es, die im Hintergrund
die Fäden zog, die schaltete und waltete und die er daheim um Rat
fragte. Ihre Persönlichkeit und ihr Durchsetzungsvermögen waren
legendär. Jeder wusste das zu schätzen, und gemeinsam mit seiner
Autorität und körperlichen Kraft bildeten sie ein eisernes Gespann
und waren unschlagbar.
“Manchmal, wenn die Großeltern auf dem Feld waren und ich
im Garten auf der großen Schaukel saß und vor mich hinträumte,
kam meine wirkliche Mutter vorbeigeschlichen und lugte durch den Gartenzaun.
Viel später erst, so mit dreizehn, habe ich durch einen nicht besonders
netten Zufall erfahren, wer das seltsame Mädchen war, das öfters
den Zaun entlangstreunte. Ich habe ihr immer zugewinkt und sie zurück;
sie kam mir vor wie eine viel größere Spielkameradin, die etwas
Geheimnisvolles mit sich herumtrug, auch weil sie dauernd auf der anderen
Seite stand, und jedes Mal, wenn sich jemand näherte, auf unerklärliche
Weise verschwand.
Hei du, komm’ doch mal her, rief ich ihr zu, wer bist du, spiel
mit mir. Da war sie schon wieder verschwunden.
Niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass sie die Frau sein
könnte, die mich geboren hatte, selbst im Nachhinein erscheint mir
dieser Gedanke unwirklich. Ich hatte keinerlei persönlichen Bezug
zu ihr, obwohl es ein paar äußerliche Gemeinsamkeiten zwischen
uns gab: wir hatten dieselben Augen und die gleich langen blonden Zöpfe,
die an ihren Enden mit seidigen Bändern zusammengehalten wurden,
und unsere Sommerkleider waren mit bunten Blumen übersäht. Auch
der Gesichtsausdruck einte uns. Am Sonntag ging sie wie wir in die Kirche,
wo ich mit meinen Großeltern in der ersten Reihe saß. Später
dann, als ich zur Schule kam, kniete ich brav in der Schülerbank
und sie, meine unbekannte Mutter, war stets weit hinter mir zu finden,
denn sie hatte nichts mehr mit uns zu tun.”
Als das blutjunge Mädchen sich damals ihres Babys entledigte, war
es gerade Winter, bitterkalt und draußen auf den zugefrorenen Feldern
flogen die Raben ihre unermüdlichen Kreise, keck und derb mit tiefsinnigen
Geheimnissen umwoben; sie krächzten laut und heißer dazu. Elke
war ein kräftiges Kind, sie dürfte es während der langen
Wehen nicht leicht gehabt haben. Als die Geburt endlich überstanden
war, erhaschte ihre Mutter nur einen kurzen Blick auf das Bündel,
dann kam es sofort in die Hände der Großmutter. So bitter es
heute auch klingen mag, dabei blieb es. Im Frühling säumten
Erlen die unaufhörlichen Wege zwischen den Feldern und im Sommer
wiegten sich die Ähren endlos weit im Wind. Zwischen unzähligen
Sonnenblumen, die ihre Gesichter gen Himmel reckten, wurde Elke schnell
größer. Während die Blumen jeden Strahl der alles wärmenden
Mutter Sonne aufsaugten, um die ganze Pracht an kraftvoller Energie in
Form von Ölen und Samen wieder an Mensch und Tier weiterzugeben,
saugte Elke die Energie ihrer Großmutter auf und war versessen auf
sie und ihre alles umfassende wärmende Liebe. Sie sollte später
noch unter schlimmen Entzugserscheinungen leiden, als ihr diese Liebe
zuerst für Tage, dann für Wochen und Monate und schließlich
für immer abhanden kommen sollte.
“Hie und da gab es Gersten, Hirse – und Rapsfelder in den
unterschiedlichsten Farben, für uns Kinder war es ein Riesenspaß
sich heimlich darin zu verstecken, doch wehe, einer der Bauern erwischte
uns bei diesem Treiben. Onkel Erich, der nicht nur bei uns, sondern auch
bei den Erwachsenen als jähzornig galt, ist uns bei einem dieser
Spiele mehrmals mit der Mistgabel durch den halben Acker nachgelaufen
und schnaubte dabei die wüstesten Schimpfwörter hinter uns her:
Ihr Lumpenpack, ihr Gesindel, wehe ich erwische euch, ihr ruiniert mir
meine kostbare Ernte, verflixt und zugenäht, ich hänge euch
persönlich im Heustadel an die Decke, schrie er so laut, dass es
bis ins Dorf zu hören war. Wir rannten dann quer durch die Felder
und hinter uns ein immer noch wutschnaubender Onkel Erich. Wir lachten
uns halb tot.
Ätsch, pätsch, Onkel Erich ist ein Ungeheuer, rennt schnell,
das Ungeheuer kommt, johlten wir und wenn wir am Abend heimkamen, gab
es Schelte bei den einen und Schläge mit der Rute bei den anderen.
Ich hatte es gut erwischt, ich wurde von meinen Großeltern nie geschlagen,
doch einige von uns kamen tags darauf mit roten Wangen oder roten Hintern
in die Schule.”
In dieser Welt, die für sie in Ordnung war und die sie nie in Frage
stellte, das kam erst später, gedieh sie prächtig mit unzähligen
Tieren im Stall, mit Scheunen voll Heu und riesigen Wäldern vor der
Haustür, in denen die Kinder sich verstecken konnten, bis die Mütter
und Väter oder Großmütter und Großväter kamen,
um sie heimzuholen.
Elke liebte ihre Großmutter, die für sie die Mutter war –
sie nannte sie wirklich so –, heiß und innig, sie war alles
für sie, ihre einzige Liebe, ihr Leben. Und Elke liebte das Dorf
und seine Ordnung, die für sie die einzige Ordnung in ihrem Leben
bleiben sollte, wie sich später herausstellte, und ihren Großvater,
der damals ihr Vater war und dafür sorgte, dass es niemand wagte,
diese Ordnung zu stören. Er selbst hatte, soweit sie sich erinnern
konnte, lediglich vor dem Pfarrer Respekt, der mit seinem direkten Draht
zum Herrgott ein Treppchen über ihm stand und alle übrigen mit
seiner Macht in Schach hielt. Diese Macht setzte er gerne immer und überall
ein, indem er jedem klar machte, dass es ihm, wenn er einmal das jämmerliche
Diesseits mit dem verheißungsvollen Jenseits eintauscht, schlecht
ergehen würde, wenn er sich nicht bereits jetzt und hier den unumstrittenen
Geboten Gottes beuge. Der Pfarrer predigte es jeden Sonntag von der Kanzel
und das Dorf war für seine Frömmigkeit bekannt. Zur Messe, den
Segnungen und den Prozessionen drängten die Menschen in die Kirche,
so dass diese oft zu platzen drohte.
“Gehorchet Gott und lebet in Ehrfurcht, betet für euch und
eure armen Seelen und für die Sünden und Verfehlungen, denen
ihr täglich anheim fällt und das Himmelreich wird das eure sein.”
Dann erhob er den Zeigefinger und mahnte mit leiser Stimme.
“Aber wehe denen, die sich diese Weisungen nicht zu Herzen nehmen
oder gar glauben, Gott ließe sich durch verborgene und verbotene
Verfehlungen täuschen.” Er vergaß dabei auch nicht, mit
demselben erhobenen Zeigefinger von der Kanzel auf jene zu weisen, die
seiner Meinung nach die ganze Woche hindurch über die Stränge
geschlagen hatten. Der Pfarrer freute sich über die Gläubigkeit
seiner Schafe, doch im Grunde wussten alle, dass es nur die Angst war
vor dem, was passieren konnte, die Angst davor, dass spätestens dann,
wenn der Tod an die eigene Türe klopfte, das Unheil über sie
hereinbrechen würde.
So hatte jeder im Ort begriffen, wo oben und wo unten war. Nur im Dorfkrug,
dem einzigen Wirtshaus, ging es ab und zu rund, was an der drallen Kellnerin
lag, die stets als Symbol der Sünde herhalten musste, weil es ihr
Spaß machte, jedem, der ihr gefiel, schöne Augen zu machen.
Manchmal hörte man des Nachts ein Knarren an dem hölzernen Gitter,
das eigentlich für die Rosenpracht bestimmt war, die sich bis an
ihr Schlafzimmerfenster rankte, und dann sah man ganz oben einen Schatten,
der sich weit hinein zur Kellnerin beugte und so rasch, wie er gekommen
war, in ihrer Kammer verschwand. Tags darauf gab es oft Stimmen, dass
der Wirt selbst es gewesen sei, den seine Gattin mit fünf munteren
Kindern beglückt hatte, allesamt Knaben rund und nett, der dort am
Fenster auf den Rosen stand, auch wenn man es nicht für möglich
hielt, dass er, statt gleich durch ihre Zimmertüre zu schreiten,
sich zu ihr hochrankte wie die Rosen. Erst viel später sollte sich
die nächtliche Kraxelei des Wirtes aufklären, der sich wie seine
Rosen emporranken musste, denn dessen Frau hatte der drallen Kellnerin
ausgerechnet jenes Zimmer zugewiesen, das genau gegenüber dem ehelichen
Schlafgemach lag, wohlwissend, dass sie sich einen “Hurenbock”
als Mann ins Haus geholt hatte. Doch das böse Getratsche hörte
nicht auf, und auch, als die Kellnerin durch eine andere ersetzt wurde
und sich das Spiel dann weitere Male wiederholte, kursierte im Dorf das
offene Geheimnis, dass sämtliche Jungfrauen erst einmal vom “Wirtshausbock”
höchstpersönlich “getestet” würden, bevor sich
ein anderer an ihnen gütlich tun konnte. Elke verstand natürlich
nicht, was das bedeutet, und so kam sie mit sechs frei von jeglicher “Schuld”
in die Schule und lernte ihre erste Lehrerin kennen: ein ältliches
Fräulein mit noch ältlicherem Lächeln um die schmalen Lippen,
einem grauen Knoten am Kopf und einem noch graueren Kleid.
“Sie hatte es bestimmt nicht leicht mit mir, denn ich erkannte recht
früh ihre Altjungfräulichkeit und die Bigotterie, mit der sie
sich umgab, das ließ ich sie dann durch manch unfeine Bemerkungen
und Gesten auch spüren, die mir den Ruf des Enfant terrible des Dorfes
einbrachten.
Diesem Ruf wurde ich immer wieder gerecht, insbesondere eines schönen
Frühlingstages. Denn in unserem Haus wohnte eine Tante, ein schreckliches
Weib, das ich von der ersten Sekunde, in der ich sie wahrgenommen hatte,
wie die Pest hasste. Tante Erika hatte sich vorgenommen, zeit ihres Lebens
ein keifendes, alles vernichtendes Gespenst zu sein, das nicht nur ihren
eigenen Mann bis aufs Blut schikanierte, sondern mich gleich noch dazu,
und das so oft sich die Gelegenheit dazu bot. Wir hassten uns gegenseitig
dermaßen himmelhochjauchzend, dass ich oft nicht wusste, was mir
mehr gefiel: meine Mutter zu lieben oder Tante Erika zu hassen. Da diese
beiden Gefühle sehr eng nebeneinander liegen, ja geradezu ineinander
gehen, knotete ich mir, so klein ich auch noch war, oft ein dickes Gebilde
der sich gegenseitig bekämpfenden Gefühle. Und manchmal gelang
es mir nicht, diesen Zopf wieder zu entflechten. Tante Erika versuchte
mich darüber hinaus auch noch dauernd bei meiner Mutter anzuschwärzen,
erzählte alle möglichen Lügen über mich und ergötzte
sich geradezu daran, wenn ich dafür bestraft wurde. In meinen Augen
sah sie wie eine Fleisch gewordene Hexe aus: Sie hatte eine spitze Nase
und im Laufe der Jahre vor Verbitterung heruntergezogene Lippen mit scharfen
Mundwinkeln, streng nach hinten gekämmte dünne Haare und ewig
hochgezogene Augenbrauen, die sich dauernd an irgendwelchen Begebenheiten
empören konnten. Außerdem erspähten ihre Augen, einem
Geier gleich, einfach alles, was es im Dorf zu erspähen gab und selbstverständlich
alles, was mich selbst betraf. Kurzum: Tantchen lag täglich auf der
Lauer, um zu erkunden, was ich angestellt haben konnte, um sich dann wieder
aufzuregen oder es brühwarm meiner Mutter zu erzählen. Zudem
war Erika rasend eifersüchtig und konnte es meiner Mutter nicht verzeihen,
dass sie mich überhaupt ins Haus geholt hatte, denn sie befürchtete,
ihr Erbteil auch noch mit mir teilen zu müssen, und das war wohl
das Schlimmste von allem. Die Ursache ihrer wöchentlichen Schikanen
lag wohl in ihrer Habgier und um diese Eigenschaft zu tarnen, legte sie
sich den Mantel der Tyrannei an. Ich verstand diese Geschichten damals
noch nicht, denn ich war gerade mal sechs Jahre alt.
An jenem lauen Frühlingstag kam es also wieder einmal zu einem fürchterlichen
Gezeter zwischen ihr und meiner Mutter, die gerade im Begriff war, die
steile Holzstiege mit Seifenlauge blank zu wienern. Tante Erika kam oben
aus ihrer Küche und zeterte auf Mama herunter. Die hörte sich
die Schimpftiraden wohl zum tausendsten Male an, doch diesmal hörte
ich mit, und der Knoten in meinem selbstgeflochtenen Zopf begann sich
stramm und strammer zu ziehen, bis er zum Zerreisen gespannt war. Ich
stand nur ein paar Meter weiter oben auf dem Dachboden, was ich eigentlich
nicht durfte, weil einige Bretter des Holzbodens kaputt waren und Vater
mir verboten hatte hinaufzusteigen. Außerdem konnte ich durch eines
jener für uns Kinder wunderbaren runden Gucklöcher, durch die
man das ganze Dorf überblicken konnte, ins Freie stürzen. Tante
Erika war so etwas wie ein schrecklicher Bestandteil dieses Hauses, an
den wir uns zwar gewöhnten, den wir aber nicht abschaffen konnten
und gegen den sich meine gesamte und geballte kindliche Wut richtete.
Mein Gefühl signalisierte mir an diesem Tag eine Botschaft, die ich
in meinem Leben noch sehr oft hören sollte, und eine innere Stimme
rief mir zu: tu etwas, tu einfach irgendetwas. Fast wie unter Zwang und
weil ich den Druck des strammgezogenen Knotens nicht mehr aushalten konnte,
stieg ich die Treppe vom Dachboden bis zur Diele im obersten Stock hinab.
Dort stand Tante Erika noch immer am Treppenansatz und ließ Myriaden
von Schimpfwörtern auf meine Mutter niederprasseln. Ich trat einen
Schritt vor und noch ehe Mama mir etwas zurufen konnte, hatte ich der
verhassten Tante bereits einen Stoß verpasst. Diese, überrascht
von meiner plötzlichen Anwesenheit, stürzte die gesamte glitschige
Holzstiege hinunter, die noch vom Putzen nass war, und kam erst wieder
vor Mamas Füßen zum Stillstand. Der Knoten in meinem Hirn und
Herzen hatte sich sofort aufgelöst, ich fühlte mich wie befreit.
Tante Erika aber hatte sich schwer verletzt und schrie zum Steinerweichen.
Das halbe Dorf musste sie gehört haben, doch keiner schritt ihretwegen
schneller. Sie musste so schnell wie möglich ins Krankenhaus gebracht
werden, wo die Ärzte den Bruch beider Beine feststellten.
So kam es, dass wir drei unbeschwerte Monate ohne Tante im Haus genießen
konnten. Es war wunderbar. Sie aber hasste mich mehr als je zuvor und
das ein Leben lang. Ich sollte ihre Rache noch zur Genüge zu spüren
bekommen.”
[zurück]
[home] [top]
|
|